Mit der KTM zum Ex-Convento von Tecali

Heute steht eine kleine Motorradtour im Raum Puebla auf dem Programm, die gleich drei Dinge miteinander verbinden soll: Zum einen möchte ich mich allmählich an den dichteren Verkehr auf den großen Verkehrsachsen gewöhnen – in diesem Fall an den Periférico Ecológico. Dazu kommt eine landschaftlich reizvolle Überlandfahrt und schließlich als Ziel etwas, das mich schon seit vielen Jahren fasziniert: koloniale Geschichte.

Ich habe mir deshalb für den heutigen Tag eine Motorradtour zum Ex-Convento de Santiago Apóstol in Tecali de Herrera ausgesucht. Die beeindruckende franziskanische Ruine aus dem 16. Jahrhundert kenne ich bereits von zahlreichen früheren Besuchen. Allerdings liegen diese inzwischen mehr als zehn Jahre zurück. Mit dem Motorrad ist mir die Strecke dagegen völlig neu.

Um 9 Uhr morgens mache ich mich von meinem Haus in Cuautlancingo auf den Weg. Gleich hinter meinem Wohnort beginnt der dicht befahrene Periférico Ecológico, eine der wichtigsten Verkehrsachsen im Großraum Puebla. Einige kürzere Abschnitte des Periférico bin ich mit der KTM bereits gefahren. Durch den Bereich mit dem besonders dichten Verkehr rund um und hinter Angelópolis hatte es mich mit dem Motorrad bisher allerdings noch nicht verschlagen.

Und je weiter ich fahre und dabei überwiegend die mittlere bis linke Fahrspur benutze, desto mehr merke ich, wie erstaunlich einfach es eigentlich ist, sich mit dem Verkehr mitzubewegen. Natürlich bedeutet das auf dem Motorrad vor allem eines: aufmerksam bleiben. Immer wieder wandert mein Blick über die Fahrbahn. Liegen irgendwo Gegenstände auf der Straße? Gibt es Unebenheiten oder Schlaglöcher? Was machen die Fahrzeuge vor, neben und hinter mir?

Nach anfänglichem Respekt bin ich deshalb selbst überrascht, wie schnell und – zumindest für mich – erstaunlich entspannt ich mich an den Verkehr gewöhne. Gerade auf einer solchen Schnellstraße wird mir dabei ein weiterer Vorteil der KTM bewusst: Leistung ist nicht nur eine Frage der Geschwindigkeit, sondern kann auch ein Sicherheitsfaktor sein. Wenn sich irgendwo eine kritische Situation ergibt, kann ich mit der 390 Adventure X in kurzer Zeit beschleunigen, einen ausreichenden Sicherheitsabstand herstellen und die Fahrspur wechseln. Besonders im mittleren und oberen Drehzahlbereich gefällt mir dabei der kräftige Durchzug des Motors. Ein Privileg, dessen Wert ich noch vor wenigen Wochen vermutlich völlig unterschätzt hätte.

Nach knapp 45 Minuten verlasse ich den Periférico und fahre nun über Land weiter. Die gut ausgebaute, zweispurige Straße führt durch mehrere Ortschaften und kleinere Städte. Die Landschaft wirkt hier bereits deutlich trockener als rund um Puebla. Gleichzeitig bleibt der Blick auf die bergige Landschaft am Horizont ein ständiger Begleiter. Genau diese Kombination aus Straße, Landschaft und Bergen macht die Fahrt für mich zu einem echten Vergnügen.

Nach ungefähr einer Stunde erreiche ich schließlich Tecali de Herrera. Und damit beginnt der eigentlich historische Teil meiner heutigen Tour.

Tecali de Herrera – die „Casa de Piedra“

Tecali liegt im Zentrum des Bundesstaates Puebla, ungefähr 35 bis 36 Kilometer von der Hauptstadt Puebla entfernt. Der Name Tecali stammt aus dem Nahuatl und wird aus tetl – Stein – und calli – Haus – hergeleitet. Sinngemäß bedeutet Tecali also „Haus aus Stein“. Der Name passt ausgesprochen gut zu dem Ort. Denn Tecali ist bis heute eng mit der Verarbeitung von Onyx und Marmor verbunden. Die Region ist für ihre Steinverarbeitung bekannt, und in den Werkstätten entstehen unter anderem Möbel, Skulpturen, Lampen, Brunnen und zahlreiche dekorative Gegenstände. Die Verarbeitung von Stein hat hier eine lange Tradition, die bereits in der vorspanischen Zeit begann und sich während der Kolonialzeit weiterentwickelte.

Historisch war Tecali zudem bedeutender, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Nach der spanischen Eroberung lag der Ort an einem wichtigen Verkehrsweg zwischen Veracruz und Mexiko-Stadt. Das machte Tecali auch für die Missionierung der Region interessant. Die Franziskaner übernahmen hier die Evangelisierung und begannen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit dem Bau eines Klosters, das dem Apostel Santiago – dem heiligen Jakobus – gewidmet wurde. Und genau dieses ehemalige Kloster ist mein heutiges Ziel.

Das Ex-Convento de Santiago Apóstol

Schon beim ersten Blick auf die Ruine ist klar, dass hier einmal etwas sehr Großes gestanden haben muss. Das Ex-Convento de Santiago Apóstol entstand im 16. Jahrhundert als franziskanischer Klosterkomplex. Zu ihm gehörten neben der Kirche unter anderem ein unterer und ein oberer Kreuzgang, Zellen für die Mönche und weitere Klosterbereiche.

Die Kirche selbst ist dabei besonders bemerkenswert: Sie wurde als dreischiffige Basilika konzipiert. Das INAH zählt Tecali zu den nur vier Kirchen im Bundesstaat Puebla aus der Kolonialzeit, die in dieser Basilikaform mit drei Schiffen gestaltet wurden. Und genau das erkennt man heute noch eindrucksvoll. Wenn ich zwischen den mächtigen Säulen stehe, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass dieser gewaltige Raum einmal vollständig überdacht war. Die hohen Säulen sind durch Rundbögen miteinander verbunden. Sie trugen einst die hölzerne Dachkonstruktion der Kirche. Heute ist das Dach verschwunden – und genau dadurch entsteht dieser besondere Eindruck, den ich an Tecali so liebe:

Die Kirche steht heute gewissermaßen unter freiem Himmel. Das Sonnenlicht fällt durch die ehemaligen Dachbereiche, Gras wächst zwischen den Steinen und über den Mauern öffnet sich der Blick in den Himmel. Gleichzeitig sind die Dimensionen des ursprünglichen Bauwerks noch so deutlich erkennbar, dass man die eigentliche Größe der Kirche erahnen kann.

Renaissance in Mexiko

Auch architektonisch ist das Ex-Convento bemerkenswert. Die Kirche gehört zu einer frühen Phase der kolonialen Architektur in Mexiko, in der europäische Renaissanceformen mit den örtlichen Bedingungen und Materialien verbunden wurden. Die Fassade wird dem Manierismus zugeordnet und fällt besonders durch ihre symmetrische Renaissance-Gestaltung auf. Die Wirkung ist erstaunlich elegant.

Zwischen der massiven Steinarchitektur und den klaren geometrischen Formen findet sich wenig von dem üppigen Barock, den man mit vielen späteren mexikanischen Kirchen verbindet. Tecali wirkt dagegen streng, klar und monumental. Und dann entdeckt man bei genauerem Hinsehen immer wieder kleine Details.

So haben sich am Eingangsbereich beispielsweise Reste von Wandmalereien mit Engeldarstellungen erhalten. Es sind gerade diese kleinen Spuren, die die Ruine für mich so interessant machen. Man muss nicht alles vollständig vor sich haben, um sich vorstellen zu können, wie aufwendig dieser Ort einst gestaltet gewesen sein muss.

Wo ist der ursprüngliche Altar geblieben?

Eine besonders interessante Geschichte verbirgt sich hinter dem ehemaligen Hauptaltar.

Der ursprüngliche Retablo mayor, der für das Kloster in Tecali geschaffen wurde, befindet sich heute nicht mehr in der Ruine. Er wurde in die heutige Parroquia de Santiago Apóstol im Ort übertragen. Forschungen konnten seine ursprüngliche Zugehörigkeit zum Ex-Convento nachweisen; sogar die Befestigungsspuren des ehemaligen Retabels sind in der Ruine noch vorhanden.

Das bedeutet: Wer wirklich in die Geschichte des ehemaligen Klosters eintauchen möchte, sollte nicht nur die Ruine besichtigen, sondern anschließend auch einen Blick in die heutige Pfarrkirche werfen. Dort lebt ein Teil der Ausstattung des alten Klosters weiter. Ein Ort, der gerade durch seine Ruine beeindruckt. Vielleicht ist es genau das, was mich an Tecali so fasziniert. Man steht hier nicht vor einem vollständig restaurierten Kolonialbau, bei dem jedes Detail wieder so aussieht, als wäre es gestern fertiggestellt worden. Stattdessen steht man in einer Ruine. Die Dächer fehlen. Teile der Klostergebäude sind verschwunden. Die Natur hat sich ihren Platz zurückgeholt.

Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – kann man die ursprüngliche Größe dieses Ortes noch erstaunlich gut nachvollziehen. Die hohen Mauern und Säulen, die Bögen und die symmetrische Fassade erzählen von einer Zeit, die mehr als 450 Jahre zurückliegt.

Diese Wege nach Tecali waren schon vor Jahrhunderten von großer Bedeutung. In der frühen Kolonialzeit gehörte die Verbindung zwischen Mexiko-Stadt und Veracruz zu den wichtigsten Verkehrswegen Neuspaniens und führte auch durch die Region um Tecali. Viele Generationen waren hier unterwegs – zu Fuß, zu Pferd oder mit Wagen. Heute bin ich an der Reihe, allerdings mit deutlich modernerem Antrieb: meiner KTM Adventure 390 X.

Und diesmal ist schon die Anfahrt ein Teil des Erlebnisses.  Und ich glaube, genau deshalb war diese kleine Tour heute etwas Besonderes.


Erstellt am 21. August 2026 – Inhalt zuletzt aktualisiert am 21. August 2026