Mit der KTM von Puebla nach Catemaco
Es ist Dienstag, der 1. September 2026. Heute geht es wieder früh los – und diesmal auf eine ganz besondere Tour. Punkt 6 Uhr starte ich mit meiner KTM Adventure 390 X von meinem Haus in Puebla in Richtung Catemaco. Normalerweise würde ich so kurz vor meiner Deutschlandreise keine Tour mehr über eine solche Distanz unternehmen. Rund 470 Kilometer liegen vor mir, und schon mit dem Auto ist diese Strecke mit etwa sieben Stunden Fahrzeit kein kleiner Ausflug. Mit dem Motorrad kommt durch die bewusst vorsichtige Fahrweise, die zahlreichen Pausen und natürlich die eine oder andere Fotopause noch einiges an Zeit dazu. Trotzdem habe ich einen besonderen Grund für diese Reise: Meine KTM soll die kommenden drei Monate, während ich in Deutschland bin, in meiner Cabaña im Regenwald überwintern. Dort steht sie geschützt und sicher – und gleichzeitig kann ich die Region Los Tuxtlas noch einmal auf eine ganz andere Art kennenlernen: nicht mit dem Auto, sondern auf zwei Rädern.
Die Strecke teile ich deshalb bewusst in zwei Etappen. Heute geht es von Puebla zunächst über die Autopista 150D bis Veracruz, wo ich in einem Airbnb übernachte. Am nächsten Morgen folgt dann der wesentlich schönere Teil: von der Küste aus weiter Richtung Süden, über Alvarado und durch die Landschaft von Los Tuxtlas bis nach La Palma. Bevor es losgeht, habe ich allerdings noch einen gewissen Respekt vor den rund fünf Stunden auf der vielbefahrenen Autopista. Ich kenne diese Strecke inzwischen gut und weiß, was dort unterwegs sein kann. Nicht selten wird man bei 120 km/h noch von einem völlig überladenen Doppeltrailer überholt, dessen Fahrer möglicherweise schon seit zehn Stunden unterwegs ist. Und ein Blick auf manche Reifen dieser Schwerlastzüge lässt einen durchaus darüber nachdenken, wie gerne man eigentlich noch weiterleben möchte. Dazu kommen – trotz inzwischen vieler sehr gut ausgebauter Abschnitte – immer wieder die gefürchteten scharfkantigen Schlaglöcher. Mein Grundsatz ist deshalb klar: rechte Spur, großer Sicherheitsabstand und immer genügend Reaktionszeit, um einem plötzlich auftauchenden Hindernis ausweichen zu können.
Respekt vor der Autopista
Ich suche mir für die Fahrt deshalb ganz bewusst einen Tag und eine Uhrzeit aus, zu der der erste große Schwung des Fernverkehrs bereits unterwegs ist. Und tatsächlich erweist sich diese Planung als gute Entscheidung. Rund um Puebla ist der Verkehr zwar wie gewohnt heftig, aber genau das hat zunächst sogar einen Vorteil: Die Fahrzeuge kommen kaum richtig voran. Hinter dem Cuauhtémoc-Stadion wird es dann spürbar ruhiger, und plötzlich läuft die Fahrt wesentlich entspannter. Mit jedem weiteren Kilometer verschwindet auch mein anfänglicher Respekt. Aus Vorsicht wird Routine, aus Anspannung wird zunehmend Freude am Fahren. Nach ungefähr zwei Stunden erreiche ich die erste Caseta bei Esperanza, und von dort geht es immer weiter hinauf in die Cumbres de Maltrata. Für einen Septembermorgen ist es dort oben erstaunlich frisch – etwa 10 Grad zeigt mein Gefühl jedenfalls eindeutig an. Meine Motorradjacke ist deshalb noch genau das Richtige.
Doch die Freude über die kühle Bergluft hält nicht lange an. Über die Cumbres geht es hinunter in Richtung Orizaba und Córdoba, und innerhalb kürzester Zeit verändert sich das Klima komplett. Aus trocken-kühler Bergluft wird tropische Wärme, und plötzlich zeigt das Thermometer angenehme 30 Grad. Mit jedem Kilometer wird meine schwere Motorradjacke mehr zur Last. Obwohl der Tankinhalt problemlos bis Veracruz gereicht hätte, lege ich unterwegs noch einen Tankstopp ein.
Die orangefarbene KTM als Hingucker
Und wie so oft passiert dabei das, was inzwischen fast schon zum festen Bestandteil meiner KTM-Touren gehört: Die orangefarbene Maschine zieht die Blicke auf sich. Kaum stehe ich an der Tankstelle, kommen die ersten Fragen. Woher kommt das Motorrad? Wie viel Hubraum? Wie schnell? Wie teuer? Die KTM ist hier einfach ein Hingucker – und offensichtlich gibt es kaum eine Tankstelle, an der man mit ihr unbeachtet wieder wegkommt.
Nach rund fünf Stunden Fahrt inklusive Pausen erreiche ich schließlich Veracruz. Und mein erster Halt hat mit Sehenswürdigkeiten zunächst überhaupt nichts zu tun. Rechts ranfahren, Motor aus und: Veracruz-Modus. Jacke aus, Handschuhe aus, Helm auf Jet-Mode öffnen und erst einmal tief durchatmen. Die letzten zwölf Kilometer bis zu meiner Unterkunft lassen sich so wesentlich angenehmer bewältigen.
Im Veracruz-Modus an der Küste entlang
Durch Veracruz und weiter Richtung Boca del Río zu fahren, macht mit dem Motorrad ohnehin riesigen Spaß. Die Küstenstraßen entlang des Golfs, der Boulevard Manuel Avila Camacho sowie der Miguel Alemán, verbinden die beiden Städte und führt über weite Strecken direkt am Meer entlang. Aus meinen früheren Aufenthalten kenne ich die Gegend bereits und stelle wieder fest, dass der Verkehr hier wesentlich entspannter wirkt als in Puebla. Die Fahrer lassen mehr Abstand, ein gesetzter Blinker wird eher respektiert und überhaupt fühlt sich das Motorradfahren hier angenehm locker an.
Bevor ich zu meiner Unterkunft fahre, mache ich noch einen Abstecher zum nahegelegenen Chedraui. Ein Kaffee ist jetzt dringend notwendig. Danach heißt es warten, bis mir die Airbnb-Gastgeberin die Wohnung übergeben kann. Gegen 13 Uhr betrete ich schließlich mein Quartier. Eigentlich hatte ich für den Nachmittag noch einiges auf dem Programm: Veracruz, den Hafen, den Malecón, vielleicht einen Besuch in der Gran Barroquía und einfach ein wenig durch die Stadt bummeln. Aber manchmal schreibt das Leben eben seinen eigenen Reiseplan. Nach fünf Stunden Motorradfahrt quer durch unterschiedliche Klimazonen bin ich schlicht platt. Aus dem geplanten kurzen Mittagsschläfchen werden satte drei Stunden – und damit ist ein erheblicher Teil meines Programms Geschichte. Am Abend zieht es mich dann aber doch noch einmal hinaus. Ein wenig Veracruz-Atmosphäre muss schließlich sein. Ich genieße noch einige Stunden den besonderen Flair der Stadt, bevor mir schließlich die Augen zufallen. Morgen wartet der schönere Teil der Strecke.
Endlich beginnt der schönere Teil der Reise
Mittwochmorgen. Erst einmal Kaffee – dann zieht es mich auch schon wieder zu meinem eigentlichen Reisebegleiter. Gegen 7 Uhr starte ich in Boca del Río und fahre Richtung Süden. Heute ist alles anders. Keine Autobahn, kein dichter Fernverkehr und keine Lastwagen, die mir im Rückspiegel Sorgen bereiten. Stattdessen Küste, Landschaft und immer wieder kleine Orte. Über Alvarado geht es weiter Richtung Ángel R. Cabada, Nueva Victoria und schließlich hinein in die Region Los Tuxtlas. Je weiter ich komme, desto mehr verschwindet der Gedanke an die lange Rückfahrt nach Puebla. Jetzt beginnt genau das Motorradfahren, wegen dem ich mir diese Maschine überhaupt gekauft habe.
Und irgendwann passiert etwas, das für mich fast symbolisch für diese gesamte Tour steht: Zum ersten Mal fahre ich hier über längere Strecken einfach mit kurzer Hose, T-Shirt und Sportschuhen. Natürlich ist das sicherheitstechnisch nicht das, was ich sonst bevorzuge – aber in diesem Moment spüre ich diese unglaubliche Freiheit, die das Motorrad vermitteln kann. Die warme Luft, die Landschaft, die kleinen Straßen und das Gefühl, einfach unterwegs zu sein. Nur der Helm erinnert mich noch daran, dass ich nicht gerade mit dem Fahrrad unterwegs bin. Aber auch der gehört inzwischen irgendwie dazu.
Mit der KTM durch Los Tuxtlas
Nach ungefähr vier Stunden erreiche ich schließlich mein kleines Dorf La Palma. Vor mir liegen die letzten Tage meines Aufenthalts in Los Tuxtlas. Und während ich hier sitze und auf die vergangenen zehn Tage zurückblicke, wird mir noch einmal richtig bewusst, was ich in dieser Zeit alles erlebt habe. Ich habe die Region, die ich bisher überwiegend zu Fuß, mit dem Auto oder auf anderen Wegen erkundet habe, plötzlich aus einer völlig neuen Perspektive gesehen. Kleine Straßen, Landschaften, Orte und Wege bekommen auf dem Motorrad einen ganz anderen Charakter. Man ist näher dran, nimmt mehr wahr und kann jederzeit anhalten, wenn irgendwo etwas Interessantes auftaucht.
Und genau hier schließt sich für mich auch ein Kreis. Als ich die KTM gekauft habe, war da zunächst vor allem der Wunsch, dieses riesige Land auf eigene Faust erkunden zu können. Die ersten Touren führten mich zum Popocatépetl, nach Tecali, zur Malinche und nach Cantona. Später kamen Veracruz und Los Tuxtlas dazu. Und jetzt, nach dieser Fahrt von Puebla bis hierher, weiß ich endgültig: Der Kauf dieser KTM war die richtige Entscheidung.
Drei Monate Winterschlaf im Regenwald
Morgen ist mein letzter Tag hier. Dann werde ich meine KTM noch einmal gründlich reinigen und pflegen. Danach bekommt sie ihren Platz in meiner Cabaña im Regenwald, wird sorgfältig abgedeckt und darf dort die nächsten drei Monate auf mich warten.
Am Samstag geht es für mich mit dem Nachtbus von ADO zurück nach Puebla. Rund acht Stunden liegen vor mir. Und während ich dann irgendwo im dunklen Bus sitze und die Kilometer an mir vorbeiziehen, bleibt die KTM hier zurück. Ende Januar komme ich wieder. Dann werde ich meine Cabaña aufschließen, den Staub der vergangenen Monate vom Verdeck nehmen, die Abdeckung zurückschlagen – und darunter wird sie stehen. Meine orangefarbene KTM – und bereit für die nächsten Touren.























