Cantona – eine Reise in eine vergessene Stadt
Heute beginnt mein Tag ungewöhnlich früh. Bereits um 6:00 Uhr sitze ich auf meiner KTM und fahre in Cuautlancingo los. Mein Ziel liegt rund 140 Kilometer entfernt: die archäologische Stätte von Cantona im Bundesstaat Puebla. Was mich dort erwartet, weiß ich zwar ungefähr – zumindest glaube ich das. Ich rechne mit einigen Ruinen, Mauern und Tempelplattformen inmitten einer eher kargen Landschaft. Dass ich wenige Stunden später völlig anders über diesen Ort denke, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Für die Fahrt entscheide ich mich bewusst gegen die schnelle Variante über die mautpflichtigen Autobahnen. Statt über 150D und 140D fahre ich die Periférico komplett bis zu ihrem Ende und anschließend einige Kilometer über die 150 Libre, bevor ich auf die 129 in Richtung Oriental abbiege. Die Entscheidung erweist sich als goldrichtig. Zwar brauche ich für die Strecke rund 2 Stunden und 45 Minuten, doch dafür bekomme ich eine Landschaft zu sehen, die mich immer wieder anhält und staunen lässt. Die 129 ist in hervorragendem Zustand, der Verkehr hält sich in Grenzen und die Fahrt fühlt sich wesentlich entspannter an als auf den großen Autopistas. Gerade mit der KTM macht diese Strecke richtig Freude.
Gegen 09:00 Uhr erreiche ich schließlich Cantona. Die archäologische Zone liegt auf einem weitläufigen Hochplateau, umgeben von einer Landschaft, die auf den ersten Blick eher rau und karg wirkt. Der Eintritt kostet mich als Residente 105 Pesos – und schon nach wenigen Minuten weiß ich, dass jeder einzelne Peso gut angelegt ist.
Eine Stadt, die alle Erwartungen sprengt
Was ich dann vor mir sehe, überrascht mich völlig. Ich habe mich im Vorfeld zwar über Cantona informiert, aber zwischen Bildern und Beschreibungen und dem tatsächlichen Erlebnis vor Ort liegen Welten. Ich erwarte ein überschaubares Areal mit einigen freigelegten Mauern und Tempelresten. Stattdessen stehe ich vor den Überresten einer riesigen Stadt.
Cantona gehört zu den größten bekannten archäologischen Städten Mesoamerikas. Die Siedlung erstreckt sich über ein gewaltiges Gebiet, das durch Straßen, Plätze, Mauern und zahlreiche architektonische Strukturen gegliedert ist. Und genau das wird beim Durchlaufen besonders deutlich: Hier steht nicht einfach irgendwo ein einzelner Tempel. Vor mir liegt der Rest einer ganzen Stadt.
Schon nach kurzer Zeit verliere ich ein wenig das Gefühl dafür, wie groß die Anlage tatsächlich ist. Ich gehe von einem Bereich zum nächsten, entdecke neue Mauern, Plattformen und Plätze und habe immer wieder das Gefühl, jetzt müsse doch langsam das Ende kommen. Aber Cantona hört einfach nicht auf.
Zwei Stunden habe ich für den Besuch eingeplant. Im Nachhinein muss ich darüber fast ein wenig lachen. Zwei Stunden reichen gerade einmal aus, um einen Eindruck von der Dimension dieser Stadt zu bekommen. Man könnte hier problemlos deutlich länger unterwegs sein, ohne zweimal dasselbe zu sehen.
Eine Stadt aus Stein
Besonders beeindruckt mich die ungewöhnliche Struktur Cantonas. Die Stadt besitzt ein weit verzweigtes Netz aus gepflasterten Wegen und Straßen. Viele dieser Wege sind durch Mauern begrenzt und führen zwischen unterschiedlichen Plätzen und Gebäudekomplexen hindurch. Dadurch entsteht beim Gehen tatsächlich das Gefühl, sich durch eine ehemalige Stadt zu bewegen und nicht lediglich durch ein Ausgrabungsgelände.
Die Architektur wirkt dabei erstaunlich streng und geometrisch. Mauern verlaufen über lange Strecken schnurgerade, Plattformen sind präzise angelegt und die verschiedenen Bereiche der Stadt folgen einem offensichtlich durchdachten Aufbau. Immer wieder bleibe ich stehen und schaue mir die Linien und Winkel genauer an.
Dabei kommt mir unweigerlich der Gedanke, dass diese Mauern und Plattformen hier seit Jahrhunderten Wind, Sonne und Regen ausgesetzt sind. Und trotzdem sind die geometrischen Strukturen teilweise noch so klar erkennbar, dass ich mich frage, wie viel Arbeit und Planung einst dahinterstecken muss.
Cantona ist dabei nicht einfach eine Stadt mit ein paar großen Pyramiden. Ihre Besonderheit liegt gerade in diesem Zusammenspiel aus Straßen, Mauern, Plätzen, Plattformen und einzelnen Gebäudekomplexen. Die Stadt ist in verschiedene Bereiche gegliedert, die über das Wegenetz miteinander verbunden sind.
Zwischen Ballspielplätzen und Tempeln
Natürlich gehören auch die für Mesoamerika so typischen Ballspielplätze zu Cantona. Mehr als ein Dutzend solcher Anlagen sind innerhalb der Stadt bekannt – eine außergewöhnlich hohe Zahl. Das zeigt bereits, welche Bedeutung dieser Sport und die damit verbundenen religiösen und gesellschaftlichen Vorstellungen hier gehabt haben müssen.
Auch die zahlreichen erhöhten Plattformen und Tempelbereiche vermitteln einen Eindruck davon, wie stark Cantona einst strukturiert war. Vieles ist heute nur noch als Mauerwerk oder Grundriss erhalten. Trotzdem lässt sich die ursprüngliche Funktion der verschiedenen Bereiche erstaunlich gut erahnen.
Und genau das gefällt mir an solchen archäologischen Orten immer mehr. Je mehr ich über die Geschichte weiß, desto weniger sehe ich einfach nur alte Steine. Eine Mauer wird plötzlich zu einem Teil eines Wohn- oder Zeremonialbereichs, eine Plattform zu einem ehemaligen Gebäude und ein gepflasterter Weg zu einer Straße, auf der vor Jahrhunderten Menschen unterwegs sind.
Cantona – eine Stadt in einer besonderen Landschaft
Besonders faszinierend finde ich allerdings die Verbindung zwischen der Stadt und ihrer Landschaft. Cantona liegt auf einer Höhe von ungefähr 2.500 Metern und befindet sich in einer Region, die wesentlich trockener wirkt als das Puebla, das ich aus meinem Alltag kenne. Die Vegetation ist relativ spärlich, und gerade dadurch treten die steinernen Strukturen besonders deutlich hervor.
Gleichzeitig ergibt sich daraus ein landschaftlicher Kontrast, den ich kaum schöner finden könnte. Die alten Mauern und Plattformen liegen eingebettet in dieser weiten, offenen Landschaft. Keine moderne Bebauung stört den Eindruck. Kein Hochhaus, keine Straße und kein Industriegebiet taucht am Horizont auf. Stattdessen stehen die Überreste dieser gewaltigen Stadt einfach in der Landschaft, als hätte sie die Zeit beinahe vergessen.
Ich gehe weiter und entdecke hinter jeder Mauer wieder einen neuen Bereich. Manchmal öffnet sich der Blick über größere Flächen, dann führen mich die schmaleren Wege wieder zwischen den Mauern hindurch. Genau diese Abwechslung macht den Rundgang so spannend.
Eine vergessene Metropole
Cantona entsteht bereits in sehr früher Zeit und entwickelt sich über viele Jahrhunderte zu einer bedeutenden Stadt. Ihre Blütezeit liegt ungefähr zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Damit gehört Cantona zu einer Epoche, in der sich in verschiedenen Teilen Mesoamerikas große politische und kulturelle Zentren entwickeln.
Was mich besonders fasziniert: Cantona scheint dabei eine eigene kulturelle Entwicklung genommen zu haben. Anders als bei vielen bekannten mesoamerikanischen Stätten lässt sich die Stadt nicht einfach einer der großen bekannten Kulturen wie den Azteken oder Maya zuordnen. Und genau das macht den Ort für mich noch interessanter. Die Stadt kontrolliert vermutlich wichtige Handelswege in der Region. Ihre Lage ist dafür ausgesprochen günstig. Gleichzeitig bietet das Gelände natürliche Vorteile für Verteidigung und Kontrolle. Cantona ist also nicht zufällig genau hier entstanden.
Irgendwann, viele Jahrhunderte später, wird die Stadt verlassen. Warum genau, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit beantworten. Und so bleibt ein Teil von Cantonas Geschichte bis heute geheimnisvoll. Vielleicht ist es gerade diese Mischung aus dem, was wir wissen, und dem, was wir nicht wissen, die den Besuch so spannend macht.
Zwei Stunden sind viel zu wenig
Nach ungefähr zwei Stunden merke ich schließlich, dass meine Zeit langsam knapp wird. Und obwohl ich bereits unglaublich viel gesehen habe, habe ich keineswegs das Gefühl, Cantona wirklich vollständig erlebt zu haben. Das ist wahrscheinlich die größte Überraschung dieses Tages. Ich bin mit der Vorstellung hierhergefahren, zwei Stunden würden für einen Besuch locker reichen. Jetzt könnte ich ohne weiteres noch einmal zwei Stunden weiterlaufen.
Ich nehme mir noch einmal Zeit, zurückzublicken. Die Mauern, die Plattformen, die Wege und die weite Landschaft ergeben zusammen ein Bild, das ich so nicht erwartet habe. Cantona wirkt nicht wie ein kleines Ausgrabungsfeld, das man in einer Stunde abhakt. Es fühlt sich vielmehr wie der Überrest einer kompletten, riesigen Stadt an.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich mein Bild von Cantona verändert. Ich bin nicht einfach bei ein paar Ruinen gewesen. Ich bin durch eine Stadt gegangen.
Sechs Stunden Motorrad für zwei Stunden Geschichte
Irgendwann heißt es dann Abschied nehmen. Die KTM wartet auf dem Parkplatz und vor mir liegen noch einmal rund 2 Stunden und 45 Minuten Rückfahrt. Insgesamt verbringe ich heute ungefähr sechs Stunden auf dem Motorrad, um gerade einmal rund zwei Stunden in Cantona unterwegs zu sein.
Auf dem Papier könnte man sich deshalb durchaus fragen, ob dieses Verhältnis wirklich sinnvoll ist. Meine Antwort lautet eindeutig: Ja. Allein schon die Fahrt über die 129 Libre macht den Weg zu einem Teil des Erlebnisses. Und Cantona selbst übertrifft schließlich alles, was ich mir vorher vorgestellt habe.
Ich fahre nach Hause mit dem Gefühl, heute einen Ort gesehen zu haben, der viel größer, eindrucksvoller und faszinierender ist, als es irgendein Foto vermitteln kann. Eine Stadt, die vor Jahrhunderten von Menschen geplant, gebaut und bewohnt wird und deren Grundstrukturen noch heute so deutlich sichtbar sind.
Vielleicht werde ich irgendwann noch einmal zurückkommen. Dann nehme ich mir nicht zwei Stunden, sondern deutlich mehr Zeit. Denn eines ist nach diesem Tag für mich vollkommen klar:
Kein Weg ist zu weit, um eine so prächtige Kulturstätte mesoamerikanischen Ursprungs live miterleben zu dürfen.


































