Wenn der Fluss alles mitnimmt, aber ein Dorf zusammenhält

La Palma, Catemaco – 23. Dezember 2025

Kurz vor Weihnachten kam es in der Comunidad La Palma nahe Catemaco im mexikanischen Regenwald, in der auch meine kleine Ferienresidenz liegt, zu außergewöhnlich starken Regenfällen. Innerhalb kurzer Zeit fielen Wassermengen, wie sie selbst in dieser regenreichen Region selten erlebt werden. Der sonst ruhige Fluss, der sich durch das Dorf zieht, trat über die Ufer – und verwandelte sich in eine reißende, zerstörerische Kraft.

Wie es zur Katastrophe kam

Tagelanger Starkregen hatte die Böden vollständig gesättigt. Als weitere Regenfronten hinzukamen, konnte das Wasser nicht mehr abfließen. Der Fluss schwoll an, riss Baumstämme, Geröll und Schlamm mit sich und suchte sich schließlich seinen Weg durch das gesamte Dorf.
Innerhalb weniger Stunden stand La Palma unter Wasser.

Die Schäden

Betroffen waren rund 200 Häuser – praktisch alle Gebäude der Gemeinde. Schlamm, Geröll und Wasser drangen in Wohnräume ein. Möbel, Elektrogeräte, Kleidung und persönliche Erinnerungsstücke wurden zerstört oder unbrauchbar.
Viele Familien verloren einen Großteil ihres Hab und Guts – oft Dinge, die über Jahre mühsam angeschafft worden waren.

Was danach geschah

Was folgte, war jedoch etwas, das mich tief beeindruckt hat.

Noch bevor das Wasser langsam zurückging, begann das ganze Dorf zu handeln. Ohne große Organisation, ohne lange Diskussionen. Männer, Frauen, Jugendliche – alle packten mit an.
Tag und Nacht wurde gearbeitet:

  • Häuser wurden ausgeräumt und vom Schlamm befreit
  • Straßen freigeschaufelt
  • Geröll, Holz und angeschwemmte Gegenstände von Hand abgetragen
  • Nachbarn halfen Nachbarn, oft zuerst den Ältesten oder den am stärksten Betroffenen

Bemerkenswert war dabei: Die Hilfe beschränkte sich nicht nur auf das Dorf selbst.
Innerhalb kürzester Zeit machten sich Menschen aus weit entfernten Regionen auf den Weg – teils aus hunderten Kilometern Entfernung.
Menschen, die niemanden kannten, die keinen persönlichen Vorteil hatten, kamen allein mit dem Wunsch, zu helfen. Mit Muskelkraft, Werkzeug, Zeit, Lebensmitteln und Mitgefühl.

Unterstützung von außen

Auch die staatlichen Stellen reagierten schnell. Große Maschinen wurden in die Region geschickt, um den Fluss von Baumstämmen, Geröll und angeschwemmten Gegenständen zu befreien. Bagger und schweres Gerät halfen dabei, den Flusslauf wieder freizumachen und weitere Schäden zu verhindern.

Diese Kombination aus lokalem Zusammenhalt, überregionaler Hilfsbereitschaft und schneller externer Unterstützung war entscheidend dafür, dass sich die Situation innerhalb weniger Tage stabilisierte.

Meine eigene Situation

Ich selbst hatte großes Glück.
Meine kleine Cabaña steht auf einem etwas höheren Sockel, und eine Grundstücksmauer hielt den Großteil des vom Berg kommenden Wassers ab. Lediglich ein etwa ein Zentimeter hoher Wasser- und Schlammpegel zog durch das Häuschen.

Die Möbel – allesamt aus Zedernholz – haben das problemlos überstanden.
Dank des sofortigen Einsatzes der Nachbarn war die Cabaña noch am selben Tag wieder pico bello sauber.
Auch hier zeigte sich: Niemand wurde allein gelassen.

Ein persönlicher Eindruck

Naturereignisse wie dieses zeigen brutal, wie verletzlich wir sind. Aber sie zeigen auch etwas anderes:
den Wert von Gemeinschaft.

In La Palma wurde niemand gefragt, was er bekommt – sondern nur, wo er helfen kann. Besitz spielte plötzlich eine untergeordnete Rolle. Wichtig war, dass alle wieder ein Dach über dem Kopf haben, dass Wege passierbar werden, dass das Dorf wieder atmen kann.

Diese Erfahrung hat mich tief berührt. Nicht wegen der Zerstörung – sondern wegen der Art, wie Menschen miteinander umgehen, wenn es wirklich darauf ankommt.