Mit der KTM zum Popocatépetl – wenn das Herz über den Verstand siegt
Eigentlich war ich in den vergangenen Jahren fest davon überzeugt, meine früheren Ambitionen, Motorrad zu fahren, für immer und ewig begraben zu haben. Zu viele Situationen hatte ich erlebt – sowohl in Deutschland als auch in Mexiko –, in denen mir Autofahrer durch ihr Verhalten beinahe das Leben gekostet hatten. Und das Schlimme daran: Ich selbst hatte diese Situationen nicht einmal verursacht. Motorradfahren war für mich deshalb eigentlich erledigt.
Eigentlich.
Denn manchmal kommt es anders, als man denkt.
Der Regenwald bringt mich auf dumme Gedanken
Ich sitze gemütlich in meiner Palapa im Regenwald von Los Tuxtlas. Vor mir verläuft eine Schotterpiste, auf der den ganzen Tag reger Verkehr herrscht. Fast ausschließlich Motorräder. Kleine Maschinen, auf denen die Menschen der Region zu ihren Feldern und Farmen fahren. Sie transportieren Werkzeug, Lebensmittel oder irgendetwas anderes, das gerade gebraucht wird. Das Motorrad ist hier kein Hobby und schon gar kein Statussymbol. Es ist schlicht ein ganz normales Fortbewegungsmittel.
Und entsprechend sieht es auch aus. Kurze Hose, T-Shirt, Badelatschen – und selbstverständlich meistens ohne Helm. Schutzkleidung? Fehlanzeige. Das gehört hier einfach zum Dorfbild.
Und während ich da so sitze und den Leuten beim Vorbeifahren zuschaue, passiert etwas ziemlich Merkwürdiges: Ich beginne, meine Meinung über das Motorradfahren zu ändern.

Typisches Bild der Motorradfahrer in Los Tuxtlas
Denn hier draußen in Los Tuxtlas ist das Motorrad tatsächlich das, wovon Motorradfahrer in Europa immer sprechen: Freiheit. Nicht die Freiheit, die man auf einem Motorrad theoretisch besitzt, während man in schwerer Schutzkleidung steckt, einen massiven Helm auf dem Kopf trägt und sich durch den Verkehr einer europäischen Stadt bewegt. Sondern wirkliche Freiheit.
Man fährt einfach los. Und vor allem: Man kommt damit an Orte, die mit einem normalen Pkw kaum oder gar nicht erreichbar sind. Viele der schönsten Plätze in dieser Region erreicht man entweder mit einem entsprechend ausgestatteten Geländewagen – oder mit einem geländetauglichen Motorrad.
Und plötzlich beginnt in mir ein kleiner Kampf.
Der Verstand sagt: „NEIN!“ – das Herz sagt: „JA!“
Und wie das bei solchen Dingen eben manchmal so ist: Das Herz gewinnt.
Die KTM Adventure 390 X
Also setze ich mich irgendwann an den Computer und beginne, nach einer Maschine zu suchen, die zu meinen Vorstellungen passt. Sie soll nicht zu schwer sein und sich relativ leicht handhaben lassen. Gleichzeitig brauche ich genügend Leistung, um auf einer Carretera oder Autopista auch einmal einen Lkw überholen zu können. 45 PS erscheinen mir dafür vollkommen ausreichend.
Die Maschine soll überwiegend auf der Landstraße eingesetzt werden, aber gleichzeitig auch mit schlechten Straßen, Schotter und leichtem Gelände zurechtkommen. Und dann stoße ich auf die KTM Adventure 390 X. Eigentlich passt sie ziemlich genau zu dem, was ich suche.
Also nehme ich Kontakt mit einem KTM-Händler in Angelópolis in Puebla auf. Kurz darauf steht der Termin fest.
Einen Tag nach meiner Rückkehr aus dem Regenwald fahre ich zur KTM-Agentur. Ich schaue mir die Maschine an, wir sprechen über die Details – und dann passiert das, was mein Verstand vermutlich noch wenige Wochen zuvor kategorisch ausgeschlossen hätte: Ich unterschreibe den Kaufvertrag.
Drei Tage später kann ich mein neues Baby bereits abholen. Allerdings gibt es vorher noch eine Kleinigkeit zu erledigen: die Zulassung. Und damit beginnt eine Geschichte, die vermutlich nur in Mexiko so passieren kann.
Ein mexikanischer Führerschein für ein Motorrad
Für die Zulassung brauche ich unter anderem einen Wohnungsnachweis. Das ist in Mexiko beispielsweise eine aktuelle Stromrechnung, die auf meinen Namen ausgestellt ist. Kein Problem, denke ich. Meine Stromrechnung habe ich natürlich dabei – allerdings als PDF.
Denn mein Stromanbieter CFE stellt die Rechnungen schon seit langer Zeit digital zur Verfügung. Früher kamen diese Rechnungen tatsächlich noch auf dem guten alten Papier mit dem CFE-Briefkopf. Genau dieses Papier möchte die Dame am Schalter aber sehen.
Ich erkläre ihr, dass es dieses Papier schlicht nicht mehr gibt. Keine Chance. Sie bleibt bei ihrer Meinung.
Also frage ich, was wir denn jetzt machen können. Schließlich möchte ich mein gerade gekauftes Motorrad irgendwann auch einmal fahren. Dann kommt ihr Vorschlag: „Haben Sie einen mexikanischen Führerschein?“ Nein, habe ich noch nicht. „Dann machen Sie doch schnell einen.“
Aha.
Ich frage, welche Unterlagen ich dafür brauche. Die Antwort: „Einen gültigen Wohnungsnachweis.“
Ich schaue sie an. Sie schaut mich an. Herrjeh. Wir sind wieder genau dort, wo wir angefangen haben.
Allerdings erklärt sie mir anschließend, dass mein digitaler Wohnungsnachweis für den Führerschein durchaus akzeptiert wird – nur eben nicht für die Zulassung des Motorrads.
Na gut. Dann machen wir eben schnell einen Führerschein.
Ich gehe zum nächsten Schalter und beantrage meinen mexikanischen Autoführerschein, den ich inzwischen ohnehin benötige. Zunächst wartet die theoretische Prüfung auf mich: zehn Multiple-Choice-Fragen, von denen mindestens acht richtig beantwortet werden müssen. Glücklicherweise hatte ich mich bereits intensiv mit den mexikanischen Verkehrsregeln beschäftigt. Die zehn Fragen sind deshalb kein großes Problem.
Danach geht es zum Fotografieren und zur Aufnahme der Fingerabdrücke. Anschließend wartet der Fahrsimulator. Auch der ist erstaunlich unkompliziert: Geschwindigkeitsbegrenzungen beachten, kreuzende Radfahrer und Fußgänger respektieren, bei den berühmten mexikanischen Topes schön langsam machen und schließlich nach ungefähr zehn Minuten vorwärts in eine Parklücke fahren. Das war’s.
Rund 1.500 Pesos – etwa 75 Euro – später halte ich meinen fünf Jahre gültigen mexikanischen Führerschein in der Hand. Und damit gehe ich zurück zum ersten Schalter. Die Dame ist zufrieden. Die KTM darf zugelassen werden.
Der erste Versuch: Präsidentin statt Popocatépetl
Einen Tag später hole ich meine KTM endlich ab. Jetzt will ich natürlich wissen, was sie kann. Für meine erste größere Tour habe ich mir ein Ziel ausgesucht, das ich schon seit vielen Jahren kenne: den Popocatépetl.
Die Strecke führt auf über 4.000 Meter Höhe und gehört für mich seit Jahren zu den schönsten kleinen Ausflügen rund um Puebla. Landschaftlich ist die Gegend einfach grandios. Also fahre ich am Sonntag los.
Doch bereits hinter der letzten Ortschaft vor dem Berg, bei San Nicolás de los Ranchos, wundere ich mich über den ungewöhnlich starken Verkehr. Dann sehe ich die Polizei. Sehr viel Polizei. Dazu Nationalgarde und Militär. Und irgendwann geht gar nichts mehr.
Knapp sechs Kilometer vor meinem eigentlichen Ziel ist Schluss.
Ich frage einen Polizisten, ob hier sonntags immer so viel los sei. Er lacht. „Wissen Sie denn nicht, wer heute hier zu Besuch ist?“ Natürlich weiß ich es nicht. Warum sollte ich mich auch vorher informieren?
Dann klärt er mich auf: Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum ist heute hier – gemeinsam mit dem Gouverneur von Puebla.
Natürlich.
Ausgerechnet.
Da fahre ich einmal mit meinem neuen Motorrad in die Prärie, wo normalerweise kaum ein Mensch unterwegs ist – und ausgerechnet heute steht mir die mexikanische Präsidentin im Weg. 😂 Also drehe ich um. Der Popocatépetl muss warten.
Zwei Tage später versuche ich es einfach noch einmal.
Endlich: freie Fahrt zum Vulkan
Diesmal klappt alles. Und schon kurz hinter San Nicolás de los Ranchos beginnt der Spaß.
Ich bin begeistert von der neu gebauten Carretera. Wie oft bin ich diese Strecke früher mit dem Auto gefahren! Die letzten rund 15 Kilometer bestanden damals aus welligem Schotter, Staub und tiefen Unebenheiten. Mit dem Pkw war das jedes Mal eine kleine Tortur.
Und jetzt? Komplett neu asphaltiert.
Die Straße führt inzwischen fast bis zur Plattform – einige Kilometer hinter Buenavista, wo wir früher immer in den Cabañas übernachtet haben. Was für ein Unterschied. Und was für eine Strecke für meine neue KTM.
Die Adventure fühlt sich auf dem Asphalt genauso wohl wie auf den schlechteren Abschnitten. Genau dafür habe ich sie gekauft. Und plötzlich weiß ich: Die Entscheidung war richtig.
Ein Stück Heimat auf über 4.000 Metern
Oben angekommen, stehen bereits einige Motorräder. Ich steige ab, schaue mich um und genieße die unglaubliche Landschaft.
Da spricht mich plötzlich einer der Motorradfahrer an: „¿De dónde eres?“ – „De Alemania.“ Er schaut mich an. „Ich auch.“
Das ist nun wirklich nicht das, was ich auf über 4.000 Metern am Popocatépetl erwartet hatte.
Wir kommen ins Gespräch. Er heißt Gerd und wohnt mit seiner mexikanischen Frau seit vielen Jahren in Mexiko, genauer gesagt in San Luis Potosí. Und dann stellt sich heraus, dass er aus Rottweil kommt. Rottweil! Keine 30 Kilometer von meiner Heimat Donaueschingen entfernt.
Gerd lebt ebenfalls schon seit vielen Jahren in Mexiko und ist mit seinem Motorrad auf dem Weg nach Taxco – auf die andere Seite des Vulkans. Wir unterhalten uns eine ganze Weile, tauschen Kontaktdaten aus und verabschieden uns schließlich.
Dann bin ich wieder allein. Und irgendwie passt das.
Ich bleibe noch eine ganze Zeit dort oben stehen. Vor mir der gewaltige Popocatépetl. Daneben der Iztaccíhuatl. Ringsherum diese unglaubliche Landschaft. Die Luft ist dünn, klar und kühl.
Ich schaue auf den Vulkan, auf meine KTM und auf die Strecke, die ich gerade zurückgelegt habe. Und plötzlich muss ich an die letzten Wochen denken. An meinen alten Vorsatz, niemals wieder Motorrad zu fahren. An meinen Verstand, der mir immer wieder gesagt hatte: Lass es. Und an mein Herz, das irgendwann einfach gesagt hat: Mach es.
Manchmal sollte man auf sein Herz hören
Nach einer Weile mache ich mich wieder auf den Weg zurück nach Puebla. Rund dreieinhalb Stunden nach meinem Aufbruch ist die Tour beendet. Ich komme zuhause an – müde, aber mit einem Kopf voller Bilder.
Von der grünen Landschaft von Los Tuxtlas. Von der mexikanischen Bürokratie. Von dem völlig absurden Umweg über einen Führerschein, nur um ein Motorrad zulassen zu können. Von der Präsidentin, die mir beim ersten Versuch einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Von der neuen Straße zum Vulkan. Von Gerd aus Rottweil. Und natürlich von diesem unglaublichen Moment dort oben am Popocatépetl.
Ich habe heute nicht einfach nur eine Motorradtour gemacht. Ich habe ein kleines Stück Freiheit zurückgewonnen, von dem ich eigentlich geglaubt hatte, es längst aufgegeben zu haben.
Vielleicht war mein Verstand all die Jahre gar nicht so falsch. Aber manchmal gibt es Entscheidungen, die man nicht ausschließlich mit dem Verstand treffen kann. Manchmal muss man einfach seinem Herzen folgen.
Mein Herz hat gewonnen.
Und wenn ich jetzt meine KTM in meinem Garten stehen sehe, muss ich feststellen: Es war eine verdammt gute Entscheidung.
Die nächste Tour kommt bestimmt. 🏍️





