Die Anfänge der mexikanischen Unabhängigkeit – ein kurzer Überblick
Gesellschaftliche Spannungen in Neuspanien
Im Jahr 1810 begann in Neuspanien, dem heutigen Mexiko, eine Bewegung, die das Land für immer verändern sollte. Die koloniale Gesellschaft war stark gespalten: An der Spitze standen die in Spanien geborenen Machthaber, während Kreolen, Mestizen und Indigene kaum politische Rechte hatten und unter hohen Abgaben litten. In dieser Atmosphäre wuchs der Wunsch nach Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit.
Der Grito de Dolores und Miguel Hidalgo
Der symbolische Beginn der Unabhängigkeit war der berühmte Grito de Dolores, der in der Nacht vom 15. auf den 16. September 1810 im Ort Dolores Hidalgo im Bundesstaat Guanajuato stattfand. Dort rief der Priester Miguel Hidalgo y Costilla die Bevölkerung zum Aufstand gegen die spanische Herrschaft auf. Aus diesem Grund gilt Guanajuato bis heute als die Wiege der Unabhängigkeit Mexikos, und Hidalgo selbst wird als „Vater des Vaterlandes“ (Padre de la Patria) verehrt.
Hidalgo als Volksführer und religiöses Symbol
Hidalgo war kein gewöhnlicher Priester. Er interessierte sich für die Lebensbedingungen der einfachen Menschen, sprach indigene Sprachen und war überzeugt, dass der Kampf gegen die Kolonialmacht kein Verbrechen, sondern eine moralische Pflicht sei. Deshalb lehnte er Angebote der spanischen Behörden zur Begnadigung ab und sagte sinngemäß, dass Begnadigung für Verbrecher sei, nicht für jene, die ihr Vaterland verteidigen. Als Symbol seiner Bewegung trug seine Truppe ein Banner mit dem Bild der Jungfrau von Guadalupe, einer religiösen Figur, die von der Bevölkerung tief verehrt wurde und zugleich zu einem nationalen Symbol der Einheit wurde.

Josefa Ortiz de Dominguez und Leona Vicario: Zwei der wichtigsten Frauen in der Unabhängigkeitsbewegung von Mexiko
Frauen im Unabhängigkeitskampf: Josefa Ortiz de Domínguez
Eine entscheidende Rolle spielten auch Frauen, was in der damaligen Zeit alles andere als selbstverständlich war. Besonders bekannt ist Josefa Ortiz de Domínguez, die als Ehefrau des Stadtverwalters von Querétaro Zugang zu wichtigen Informationen hatte. Als sie erfuhr, dass die Verschwörung entdeckt worden war, ließ sie die Anführer der Bewegung warnen. Dadurch wurde der Aufstand vorzeitig ausgelöst – ohne ihre Tat hätte die Rebellion womöglich nie begonnen. Wegen dieser Rolle ist sie bis heute als „La Corregidora“ bekannt.
Eine weitere zentrale Figur war Leona Vicario, eine gebildete und wohlhabende Frau, die ihr Vermögen, ihre Kontakte und ihr Leben für die Unabhängigkeitsbewegung einsetzte. Sie unterstützte die Rebellen finanziell, übermittelte geheime Informationen und arbeitete als Spionin. Trotz Verhaftung und Verfolgung blieb sie der Sache treu und wurde später als „Mutter des Vaterlandes“ (Madre de la Patria) geehrt.
Presse, Ideen und politisches Bewusstsein
Neben dem militärischen Kampf spielte auch die Verbreitung von Ideen eine große Rolle. In dieser Zeit entstanden wichtige Zeitungen, die die Gedanken der Unabhängigkeit verbreiteten. Das erste aufständische Blatt war „El Despertador Americano“, das ab 1810 erschien und dazu diente, die Bevölkerung über Ziele und Fortschritte der Bewegung zu informieren. Eine weitere bedeutende Stimme war José Joaquín Fernández de Lizardi, der die Zeitung „El Pensador Mexicano“ gründete und später auch den ersten mexikanischen Roman schrieb. Er kritisierte offen die Ungerechtigkeiten der Kolonialgesellschaft und trug damit zur politischen Bewusstseinsbildung bei.
Bildung und der Wunsch nach einem modernen Staat
Auch Bildung und Wissenschaft wurden als Teil des Fortschritts gesehen. Bereits früh entstand mit dem Colegio de Minería eine wichtige Bildungseinrichtung, die sich den Wissenschaften und technischen Fächern widmete. Dies zeigt, dass die Unabhängigkeitsbewegung nicht nur ein Aufstand gegen Spanien war, sondern auch der Versuch, ein modernes, eigenständiges Land aufzubauen.
José María Morelos und die politische Vision der Nation
Nach der Hinrichtung Hidalgos übernahm José María Morelos y Pavón die Führung der Bewegung. Er war nicht nur ein militärischer Anführer, sondern auch ein politischer Denker. 1813 verfasste er das Dokument „Sentimientos de la Nación“, in dem er klare Forderungen formulierte: die vollständige Unabhängigkeit von Spanien, die Abschaffung der Sklaverei, die Gleichheit aller Bürger und die Trennung der staatlichen Gewalten. Dieses Schriftstück gilt als einer der wichtigsten Grundsteine für den späteren mexikanischen Staat. Morelos war überzeugt, dass der persönliche Tod nichts bedeute, wenn man für die Freiheit des Landes kämpfe – eine Haltung, die ihn bis zu seiner Hinrichtung begleitete.
Weitere Anführer und der lange Weg zum Sieg
Parallel dazu kämpften andere Führungsfiguren wie Ignacio Allende, der besonders auf militärische Ordnung und Disziplin setzte, sowie Vicente Guerrero, der den Widerstand auch in den schwierigsten Phasen fortführte. Von Guerrero stammt der berühmte Satz „La patria es primero“ – das Vaterland steht an erster Stelle –, der bis heute als Ausdruck tiefen Patriotismus gilt. Er sollte später sogar Präsident Mexikos werden, was zeigt, wie eng der Unabhängigkeitskampf mit der Entstehung des neuen Staates verbunden war.
Der 16. September als Geburtsstunde der Nation
Obwohl die endgültige Unabhängigkeit erst 1821 erreicht wurde, erinnert Mexiko jedes Jahr am 16. September an den Beginn des Kampfes. Der „Grito de Dolores“ steht dabei weniger für einen militärischen Sieg als für den Moment, in dem die Menschen beschlossen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Bis heute wird dieser Akt als Geburtsstunde der Nation gefeiert.
Die Zeitreise der Unabhängigkeit bis zur Revolution
Wer glaubt, die mexikanische Unabhängigkeit sei über Nacht entstanden, unterschätzt den langen und oft schmerzhaften Weg des Landes. Zwischen Aufständen, Machtkämpfen, Kaiserreichen, Republiken, Diktaturen und ausländischen Interventionen musste Mexiko über Jahrzehnte hinweg um seine politische Identität ringen. Die folgende Zeitleiste zeigt, wie turbulent dieser Prozess war – ein ständiges Hin und Her zwischen Hoffnung, Rückschlägen und Neuanfang –, bis sich Schritt für Schritt ein moderner Staat formte.


